Sie sorgen sich um ihre Zukunft. Beim Bildungskongress der Bundesschülerkonferenz in Berlin stand ein Thema im Vordergrund: die mentale Gesundheit von Schülerinnen und Schülern. Das kommt nicht unerwartet – Kinder und Jugendliche in Deutschland leiden zunehmend an psychischen Erkrankungen. Im Gespräch erläutern Prof. Dr. Lea Sarrar und Anne Bildstein, woran das liegt und wie ihnen geholfen werden kann.
„Junge Menschen brauchen mehr Raum“
Sie lehren beide an der MSB und sind parallel dazu therapeutisch tätig. Wie erleben Sie die Situation junger Menschen derzeit?
Lea Sarrar: Kinder und Jugendliche erleben einen enormen psychischen Druck auf verschiedensten Ebenen. Das fängt oft schon in der Grundschule an. Es wird erwartet, dass sie gute Noten schreiben und sich für das Gymnasium qualifizieren. Dieser anhaltende Leistungsdruck kann zu psychischen Auffälligkeiten führen – häufig in Kombination mit weiteren familiären oder sozialen Belastungen sowie insbesondere vor dem Hintergrund belasteter innerer psychischer Struktur.
Anne Bildstein: Zusätzlich erleben viele Jugendliche derzeit eine Vielzahl gesellschaftlicher Herausforderungen und haben das Gefühl, dabei nur unzureichend unterstützt zu werden. Die Unsicherheit über ihre Zukunft und der Druck durch hohe Erwartungen führen bei vielen zu einem Gefühl der Überforderung. In diesem Zusammenhang wird auch deutlich, dass zentrale Strukturen – etwa die schulische Infrastruktur – nicht ausreichend darauf ausgerichtet sind, junge Menschen angemessen zu begleiten und zu stärken.
Wie äußern sich mentale oder psychische Probleme bei Kindern und Jugendlichen – und wo setzen Sie in der Therapie an?
Lea Sarrar: Psychisches Wohlbefinden und Sicherheit hängen mit den Erfahrungen im familiären System und weiteren Beziehungen zusammen. Familie, Kindergarten und Schule sind essenzielle Bereiche. Hier lernen Kinder und Jugendliche, ihre Affekte, also spontane, intensive Gefühlsregungen, wahrzunehmen, zu benennen, zu differenzieren und schließlich zu integrieren. Insbesondere Umbruchssituationen wie Umzüge, Schulwechsel etc. stellen Kinder und Jugendliche vor Herausforderungen, die sie auf Grundlage der oben genannten Aspekte bewältigen oder aber – und hier spielen auch Temperamentsfaktoren eine wichtige Rolle – als Überforderung oder Belastung empfinden können. Dies kann dazu führen, dass sie Ängste entwickeln. Andere wiederum reagieren mit körperlichen Beschwerden. Wenn sie in dieser Situation kein haltgebendes, verstehendes Umfeld haben, kann das problematisch werden. Ziel unserer Arbeit ist, Kindern und Jugendlichen diesen Raum zu geben, korrigierende Beziehungserfahrungen zu machen und zu halten. Gleichzeitig unterstützen wir ihre Bezugspersonen dabei, interessiert, verständnisvoll und wohlwollend zu agieren und reagieren.
Wie gehen Sie dabei vor?
Anne Bildstein: Psychodynamische psychotherapeutische Arbeit beruht auf einer tragfähigen therapeutischen Beziehung. In einer ausführlichen diagnostischen Phase zu Beginn werden unter anderem die psychische Struktur und die individuellen Beziehungsmuster des Kindes oder Jugendlichen sorgfältig erhoben. Aufbauend darauf kann ein gemeinsames Verständnis der Problemlagen sowie der Therapie- und Veränderungsziele entwickelt werden. Diese gemeinsame Arbeit gelingt nur innerhalb einer verlässlichen therapeutischen Beziehung, die von Offenheit und Nicht-Verurteilung geprägt ist. Das gilt gleichermaßen für die Einbindung der Eltern, die oft ein wesentlicher Bestandteil der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie ist. Eltern benötigen im Rahmen der begleitenden Elternarbeit ebenfalls einen eigenen Raum, um ihre Sorgen, Ängste und Belastungen im Zusammenhang mit dem Kind ausdrücken zu können, ohne sich bewertet zu fühlen. Forschungsergebnisse zeigen, wie bedeutsam das Zusammenspiel zwischen kindlicher Entwicklung und elterlicher Dynamik ist.
Welche Kompetenzen geben Sie Ihren Studierenden an der MSB mit – und wofür möchten Sie sie begeistern?
Lea Sarrar: Unsere Masterstudierenden der Klinischen Psychologie und Psychotherapie machen sich der Approbationsordnung entsprechend mit verschiedenen wissenschaftlich geprüften und anerkannten psychotherapeutischen Verfahren vertraut. Den Grundstein dafür legen wir im berufsrechtlich anerkannten Bachelorstudiengang Psychologie. Im Master vertiefen wir die Besonderheiten in der Therapie von Kindern, Jugendlichen, Erwachsenen und Älteren. Für alle therapeutischen Verfahren haben wir an der MSB jeweils in den verschiedenen Verfahren ausgebildete Lehrende, die eigenen Erfahrungen aus der therapeutischen Praxis in die Lehre einbringen. Das schätzen unsere Studierenden sehr.
Anne Bildstein: Besonders schätze ich an meiner Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, ihnen im psychotherapeutischen Setting einen geschützten Raum zur Verfügung stellen zu können. Einen Raum, in dem Affekte, Ängste und innere Unsicherheiten Ausdruck finden dürfen – auch solche, die im Alltag häufig zurückgehalten werden, etwa um Eltern nicht zusätzlich zu belasten oder weil es dort keinen geeigneten Raum dafür gibt. Diese Möglichkeit, Affekten Raum zu geben und sie gemeinsam zu verstehen und zu bearbeiten, bildet eine zentrale Grundlage für die Entwicklung der Persönlichkeitsstruktur.
Ein Teil der therapeutischen Arbeit besteht dabei auch darin, den Blick auf vorhandene innere Ressourcen zu richten: Welche Fähigkeiten zur Selbstregulation, zum Umgang mit Affekten oder zur Beziehungsgestaltung sind bereits vorhanden, und welche können im therapeutischen Prozess weiterentwickelt oder neu zugänglich gemacht werden. Dies vermittle ich auch meinen Studierenden: Kinder und Jugendliche brauchen mehr Raum – psychisch wie gesellschaftlich –, um sich nachhaltig entwickeln zu können.
Frau Prof. Sarrar, Frau Bildstein, vielen Dank für das Gespräch!